Prozess wegen Überfällen auf Supermärkte: „Wir haben das gemacht, weil wir Geld brauchten“

Prozess wegen Überfällen auf Supermärkte: „Wir haben das gemacht, weil wir Geld brauchten“


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„Wir haben das gemacht, weil wir Geld brauchten“

Sabine Deckwerth
17.08.2001 | 00:00 Uhr

Alexander W. redet über einen Überfall wie andere über einen Schulausflug. Es war nichts mehr zu essen im Kühlschrank, sagt er, da sei er mit seinem Cousin Mike L. runtergegangen in den Supermarkt. Der lag ganz in der Nähe seiner Wohnung, „keine 15 bis 20 Schritte“ entfernt. Sie trugen dunkle Overalls, hatten eine Gaspistole dabei, Platzpatronen, Handschuhe und schwarze Sturmmasken, die sie sich übers Gesicht zogen. Die Pistole haben sie dann auf die Kassiererin gerichtet und dabei „Kasse auf!“ geschrien. Mit 4 500 Mark Beute verließen die beiden den Raum und seien danach „einkaufen gegangen“. Das war im Juni 2000. Weil alles so einfach zu sein schien, folgten in den nächsten sieben Monaten sechs weitere Überfälle auf Tankstellen und Einkaufsmärkte. Mal erbeuteten sie 600, mal 6 000 Mark. Sie gingen immer dann los, wenn das Geld alle und der Kühlschrank leer war. Das Geld war oft alle. Alexander W. ist 21 Jahre alt, hat keinen Beruf gelernt und ging nicht arbeiten. Bei Mike L. war es nicht viel anders. Der 23-Jährige gilt als Anführer. Er fiel bereits durch eine Reihe von Straftaten auf. Diebstähle und Einbrüche ziehen sich durch seine Biografie. Wegen Raubes saß er in Haft. Alexander W. war von dem Älteren beeindruckt. „Ich habe mich von ihm überreden lassen“, sagt er vor Gericht. Ermittlungsverfahren läuft Auch andere haben später bei den Überfällen mitgemacht, Verwandte und Freunde: Sven S., 27, Alexander W.s „bester Kumpel“ – er wurde mit zwei Gaspistolen in der Hand von der Polizei festgenommen -, der 19-jährige Hilfsarbeiter Marco L. – der Bruder von Mike L. -, der 15-jährige Schüler John – ein Freund von Mike -, und die 16-jährige Katja, Mikes Freundin. Die Schülerin hatte beim letzten Überfall die Lage in einem Extra-Markt in Lichtenberg ausgekundschaftet und dann per Handy das Startsignal gegeben. Die fünf jungen Leute sitzen seit gestern wegen schweren Raubes vor dem Landgericht. Nur Mike L. ist nicht dabei, er ist tot. Er wurde beim siebten und letzten Überfall von einem Beamten des Sondereinsatzkommandos der Polizei erschossen. Das war am 29. Januar 2001 im Extra-Markt am Anton Saefkow-Platz in Lichtenberg. Mike L. hatte gerade seine Gaspistole auf eine Angestellte am Backwarenstand gerichtet und „Geld her!“ gebrüllt, als die Polizei zugriff. Sie hatte sein Telefon abgehört und die Täter schon erwartet. L. versuchte zu fliehen. Ein Schuss traf ihn in die rechte Seite, ein weiterer in den Rücken. Noch immer läuft deshalb gegen den Schützen ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung. „Ganz spontan“Den Angeklagten ist mittlerweile klar, dass sie nicht nur Menschen Angst eingejagt haben, sondern auch mit ihrem eigenen Leben gespielt haben. Sie sagen, „wir haben Geld gebraucht, wir taten es ganz spontan“. Und: „Wir wollten niemanden verletzen.“ Der 15-jährige John wiederum wollte „nur mal testen, ob er sich so etwas traut“. Er war bei den Überfällen auf die Tankstellen dabei. Die Waffe, mit der er die Kassierer bedrohte, gab ihm Mike L. John nahm sie ohne zu wissen, ob die Pistole scharf war oder nicht. Sein Vater und Katjas Mutter sitzen hinten auf der Zuschauerbank im Saal.Alexander W. spricht vor Gericht ganz leise, so dass ihn hinten im Saal kaum jemand versteht. Er ist nicht fähig, das Geschehen in einem Stück zu erzählen. „Exakt auf die Fragen des Richters zu antworten liegt ihm mehr als die freie Rede“, sagt sein Verteidiger. Einmal wischt sich Alexander W. verstohlen mit der Hand die Tränen aus dem Gesicht. Der Richter hatte ihn gefragt, was er nach dem Tod seines Cousins empfunden habe. Der 21-Jährige sucht nach Worten. „Schmerzen“, stößt er dann hervor. Die Protokollantin reicht ein Papiertaschentuch über den Tisch. Der Prozess wird fortgesetzt.


 

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